Eröffnung, „Frei sein“, Rede in der Sperl Galerie

Jörg Foth, Regisseur, Berlin , 02.03.14

Sehr geehrte Damen und Herren, Sehr geehrte Galeristen Sperl,

Sybille Junge und ich arbeiteten zusammen in der DEFA und erhielten vor 25 Jahren ein sehr knappes Schreiben. Aus. Ende. Vorbei. Der Untergang einer Welt und ihrer Idee vom besseren Leben als Aktennotiz. Hochachtungsvoll Personalleiterin Sowieso. 


So ging das große Jahr zu Ende. Massenentlassungen noch während der DDR. 

Ältere verstummten. Wurden krank. Starben. Die Formulare und Wartenummern der Arbeits- und anderen Ämter in der Hand. Mittlere warf es mehr oder weniger aus der Bahn, die meisten, wie das Wort schon sagt, mehr, einige wenige weniger. 


Doch bis dahin gab es nur 2 Möglichkeiten für uns: Selbstzerstörung durch Ungeduld oder Selbstzerstörung durch Geduld. Durch Verweigerung oder durch Anpassung. 


Das war für Jüngste, Jüngere und Junge, Sybille plötzlich anders.  

Sie sah das Ende kommen, atmete auf und entschied sich für: Keine Zerstörung. 

Alles war jetzt möglich. Ringsherum alles neu. Das Leben fing noch einmal an. 


In den ersten Jahren hatte die DEFA ein Dutzend Trümmerfilme gedreht, in den letzten ein Dutzend Scherbenfilme. Darunter Sybille Junges und meine.

Rückwärts laufen kann ich auch. Biologie!. Letztes aus der DaDaeR. Banale Tage.

So die Titel, für die Sibylle Junge 3 Jahre lang arbeitete. 

Und es ist ein Wunder, daß sie daran keinen Schaden nahm, denn es waren wie gesagt Scherbenfilme, voller Blessuren und Sprünge in unseren Schüsseln.

Die heutige Sonntagsfrage ist, wie konnte Sybille Junge uns damals entkommen. Warum ließ sie sich partout nicht zerstören. Ab wann waren die Bilder in ihr.

Wie war sie eine Partisanin des Schönen, der Grazie, des Frei seins geworden? 

Die Sybillen ließen jene Jahre zu einer Zeit der Utopie werden. 

Kein Traum, der sich nicht erfüllte, niemand auf der Straße, der nicht lächelte.

Alle Fenster und Türen aufgesperrt, nichts war unmöglich und jeder ein Mensch.


…Laß dich nicht verbrauchen / Gebrauche deine Zeit /

 …kannst nicht untertauchen / …du und deine Heiterkeit / 


Sybille Junge hatte sich nicht gebrauchen lassen, sie gebrauchte ihre Zeit.

Tauchte nicht unter. Bewahrte ihre Heiterkeit. Alles genau wie im Lied.

Und synchron mit der Schlußklappe, die in der DEFA fiel, stand ihre Staffelei.

Der Einzug der Displays aber in unsere Fotoapparate, Schmalfilmkameras, Telefone, 

die Wegnahme unserer optischen Prothesen vom Auge, wo wir Brillen tragen, Lupen und Fernrohre halten, die Wegnahme unseres Bildermachens vom Kopf, Körper und Herzschlag, seine Übergabe an die in der Regel am weitesten von uns entfernte Hand, wenn nicht schon an eine Mini-Drohne über Gartenteich, Tor und Torte, das macht unsere Bilderwelt längst kahl und überflüssig. Gebrauchsanweisungen als Inhalt.


Sybille Junges Zwiesprache mit Sonne, Mond, Sternen, ihr Eins sein mit Meeren, Himmeln, Tieren, ihr ganzes Universum immunisiert gegen den Zeitgeist jener Art. Unverletzliches scheint auf in ihren Bildern. In Kleidern aus Fischschuppen. Nixen.

Thüringer Wald von der Babywiege bis zur DEFA Bahre. Dunkel. Undurchdringlich.

Weihnachtskrippen Pyramiden. Nußknacker Schwibbögen. Spielzeug Gartenzwerge. 


Alles was davon jemals überlebte, landete im Requisitenfundus der DEFA. Genau in dieses Déjà-vu namens Fundus verschlug es Sybille Junge nach dem Verlassen ihrer Kindheit. Und zu allem Überfluß delegierte die DEFA sie zum Erlernen eines Holzhandwerks wiederum dorthin, woher sie gerade kam, damit sie später als Herrin der Requisiten diese eigenhändig reparieren könne. Bei Thomas Hardy hätte das Schabernack des Schicksals geheißen. Doch Sybille Junge entfloh ihrem Thüringer Wald ein 2.Mal, gelangte über die Regieassistenzen und das Frei sein in die Malerei und dort ins immer Offenere bis heute und hierher: In den Frühling.


In den Rausch der Farben. Die Explosion der Heiterkeit. Ungebrochene Lebensfreude Freisein der Seele und der Sinne. Die neue Personalausstellung in der Galerie Sperl lädt Sie ein zu 25 Jahren Frühling, Sybille Junges Malerei wird 25.


Eine Malschule, ein Rezept gibt es nicht für ihre durch Schichtung, Überlagerung, Kontrast und durch Komik erreichten Räume und Tiefen, für ihre thematisch entschlossenen Zugriffe, für ihre behutsam Alarm schlagenden Farbspiele und Formenwechsel.

Das stürmische Oberflächenleben der Bilder bezieht ein, was sich finden lässt in der Natur und unserem Müll. Die Vogelfeder stammt übrigens aus dem Thüringer Wald.


Das Innere der Bilder entsteht wie plötzliche Ideen und Gedanken. Aus dem Nichts.

Die Tragikomödie der Bildtitel aber wurzelt in einer unverfrorenen Beispiellosigkeit. 

Wie Blitze aus dem Himmel des Betrachters treffen sie diesem mindestens ins Herz. Nichts könnte jemand vor ihnen verbergen, alles würden sie erspüren, finden, feiern.


Sybille Junge läßt sich nicht ein auf so etwas Zentrales wie Perspektive, weder im zeichnerischen noch im Doppelsinne des Wortes, sie verwehrt dem Betrachter, was dieser seiner Gewohnheit wegen gerne hätte: Wegbeschreibung und Illusion. 

Sybille Junge besteht auf dem Augenblick. Auf ihrem Augenblick. Frei. Von allem Zitat und Imitat. Frei. Von Spielregel. Mode. Richtung. Eitelkeit. Faxen.


Unverstellter Augenblick. Wie auf dem Hochseil. Das uns in unserem Innersten trägt. Zirzensisch. Waghalsig. Vergnüglich und clownesk bis in die einzelnen Titel hinein. 

Sonnen tragen Gondeln. Und in windschiefen Landschaften mutet die Malerin uns Menschen immer wieder fragwürdigste Unternehmungen zu, aber nicht damit wir zusammen mit ihr darin untergehen, sondern vertrackte, missliche, überwiegend aussichtslose Lagen meistern wie vergnügliche Picknickfahrten mit Sonnenschirmen und Wimpelketten oder wie Jahrmärkte mit Achterbahnen und Sechserknarren. 


Sybille Junges Bilder sind ein Feuerwerk ohne Kriegsgetöse und Brandgeruch. 

Ein Feuerwerk wie eine Sommerwiese voller Mohn. Wie Gärten voller Träume. 

Wie Sterne, still und frei in frischer Luft, in allen Wassern zum Greifen nah.


Wir Menschen und die Architektur sind in Sybille Junges Bildern immer getrennt. Immer sind wir unbehaust gemalt. Exterieur. Wie im Paradies. Die Gebäude aber verwandeln sich in Landschaften, Bauten erscheinen als Figurinen und Fenster können gucken. Auch schwimmen Hochhäuser in Schüsseln über das Meer oder vermählen sich mit dem Wind, der alles Auf Nimmerwiedersehen mit sich trägt.


Bis auf die Mauer. Sie ist eins mit einem Gesicht. Doch war die Mauer Architektur. Ein Bauwerk. Oder war sie eine Zeit. Die wir in uns trugen. Auf Lippen. In Augen.


Sybille Junges Heiterkeit ist weder naiv, noch himmelhochjauchzend. Sie ist kein Keep Smiling. Ihre Heiterkeit weiß um die Welt. Sie ist eine abgrundtiefe. Unheilbare. 

Die von der Malerin geschätzten Herren Paul Klee und Christian Morgenstern wären von dieser Ausstellung sicher angetan. Der Schmutzfink und der Galgenspötter wurden bis zum Ende ihres Lebens auf Abstand gehalten und blieben frei. Ich möchte ihnen jemanden hinzugesellen. Und, liebe Sybille, ich möchte das innerhalb dieser Rede tun, indem ich Dir diesen kleinen Strauß Prosa von Walter Weller überreiche. 

Es ist das schönste Buch, das in der DDR erschienen war, und ich wollte erst an der Filmhochschule als Diplom, dann bei der DEFA als Debüt die Anti-Geisterbahn daraus verfilmen. Bis heute weigere ich mich zu verstehen, warum das weder da noch dort möglich war. Doch hier gehört Walter Weller her. Zu Dir. In Dein Frei sein. 


1920 in Dresden geboren, kam Walter Weller mit 19 Jahren in den Krieg und blieb dort 6 Jahre bis 1945. Nach 2 weiteren Jahren Kriegsgefangenschaft kehrte er zurück. In das Trümmerfeld von Dresden. Er studierte. Wurde Lehrer. Dann Dozent. Für Geschichte. Nach Karriereknick in den 60er Jahren landete er auf einem Abstellgleis im Museum für Vor- und Frühgeschichte Dresden. Und hier, nach den Katastrophen der Uniformierung, Zerstörung, Illusion, Bestrafung und Demütigung schrieb er in den 70er Jahren seine Till Eulenspiegeleien über das Land, das ihn ausrangierte. 

Internet Händler verramschen Walter Weller jetzt für 1,50 + 2 € Porto. Das hätte ihm sehr gefallen, diese Preisgestaltungs-Groteske: Das Porto mehr Wert als der Inhalt.


Hier ist es umgedreht. Die Inhalte Deiner Bilder quellen über, sie lassen sich weder verpacken, verkaufen geschweige denn angemessen bezahlen.  Sie sind keine Ware.

Die Preise verstehen sich ausschließlich als Aufwandsentschädigung für Materialkosten und Finanzamt.


Zählen Sie bitte nicht die gestrandeten Wale, suchen Sie nicht nach dem dritten. Folgen Sie dem Bild über dessen Rand hinaus nach rechts und links, nach oben und unten, bis es sich um Sie herum schließt und Sie es sind, der darin strandet.

Raten Sie nicht, welche außer den im Bild sichtbaren bedrohten Arten noch bei ihrem Auszug irrtümlich vor der Arche Costa Concordia anstehen, wir Menschen sind dabei.


Jeder, der sich diesen Bildern öffnet, kann ihr Geheimnis spüren.   Es ist Identität. 

Die der Malerin mit ihren Bildern, aber auch die ihrer Bilder mit uns Betrachtern.


Ihre Wohnung verläßt Sybille Junge nicht, um zur Arbeit zu gehen. 

Sie fährt in keinerlei Atelier, um dann dort den Tag oder die Nacht über zu malen und früher oder später das Gemalte zu verlassen und in die Wohnung zurückzukehren.

Sybille Junge schläft zu Hause umgeben von einer Silbernen Garde großer, schwerer Tuben, deren abgegriffene Körper voller Kniffe, Knuffe, Kuhlen, Buffe, Falten die Farben bergen, die dann die Bilder werden. Nachts auf der Leinwand gebettet, die sie morgens öffnet wie ein unbekanntes Fenster, um zu finden, wohin und was es zeigt.

Sybille Junge wohnt mit ihren Bildern. In ihren Bildern. Sie sieht ihnen zu. Und diese ihr. Tag und Nacht. Sie schläft mit ihnen. Ist eins mit ihren Bildern und diese sind eins mit ihr. Beide vertrauen einander. Grenzenlos.

Nichts ist hier mit spitzen Fingern, mit weit ausgestrecktem Arm gemalt, nichts so wie wir fotografieren. Sybille Junge berührt die Farben nicht nur mit Fingern und der ganzen Hand, sie greift tief hinein. In jedes Bild. So oft und so lange, bis es gut ist.

Wenn Sie jetzt diesen Raum verlassen, sehr geehrte Damen und Herren, werden Sie sich verlieben. Doch seien Sie unbesorgt, schämen Sie sich nicht, wenn Sie umfangen werden von diesem Blick und jenem Titel, Sie befinden sich dann inmitten der Welt, die Frei und die die beste ist. 

Lassen Sie sich verzaubern, es ist Frühling.